25 Jahre gelebte Inklusion - 01.02.2018

Am 1. Dezember 1992 zog die erste Wohngruppe der Lebenshilfe Offenburg-Oberkirch in ein ganz normales Offenburger Mietshaus in der Hindenburgstraße. Was damals noch ein Experiment mit unsicherem Ergebnis war, ist heute selbstverständlich in dieser und in anderen Wohneinrichtungen der Lebenshilfe.

25 Jahre sind Michaela Hoffmann und Udo Dielenschneider in der Hindenburgstraße zuhause. Doris Ernst-Baier war von Anfang an als Betreuerin mit dabei. Bei der Durchsicht alter Bilder zeigt sich, was sich alles verändert hat.

"Am Anfang war noch nicht alles voll", erzählt Udo Dielenschneider. Gerade mal sechs oder sieben Bewohner seien sie in den ersten Monaten gewesen. Damals, 1992, hatte die Lebenshilfe zum ersten Mal Wohnungen für Menschen mit Behinderungen angemietet. Die Wohnhäuser in der Espenstraße oder der Walnussallee waren eigene Gebäude der Lebenshilfe. Hier in der Hindenburgstraße gab es von Anfang an noch andere Mietparteien im Haus. Das Haus selbst ist Teil eines größeren Wohnblocks. Einfach mittendrin Die positiven Erfahrungen in Uffhofen und die Selbstverständlichkeit, dort einfach Teil des Quartiers zu sein, war ausschlaggebend für das Wagnis, sich einzumieten. Erfahrungswerte gab es keine.

"Es war spannend, ob wir von den Nachbarn angenommen werden," erinnert sich Doris Ernst-Baier. Die Ungewissheit war rasch der Gelassenheit gewichen. Die Gruppen sind im Stadtteil aktiv, z.B. beim Oststadt-Brunch. "Wenn die Leute sehen, dass wir ganz normal reagieren, funktioniert es schon." Die Bewohner der Lebenshilfe werden als ganz normale Mieter wahrgenommen, entsprechend ist auch der Umgang mit den anderen Mietern im Haus ganz ungezwungen. Man arrangiert sich, und wenn es mal zu laut ist, werden die Nachbarn gebeten, leiser zu sein. - Einen besonderen Toleranzbonus gibt es für niemanden.

Neben den zufälligen Begegnungen im Treppenhaus gibt es auch die gemeinsamen Plätze. Sitzbank und Tisch hinterm Haus, die die Lebenshilfe aufgestellt hat, nutzen alle Hausbewohner gern. Ein gemütliches Plätzchen, um Zeit zu verbringen, ideal für eine kurze Rast oder zum Grillen.

Viele Möglichkeiten für ALLE

Die Wohngruppen in der Hindenburgstraße schätzen die gute Infrastruktur vor Ort. Bank, Einkaufsmöglichkeit, Freizeitangebote - hier ist alles zu Fuß gut erreichbar, wichtige Voraussetzungen, den Alltag in der Wohngruppe so selbstbestimmt und individuell wie möglich zu gestalten.

Als vor 25 Jahren die Eröffnung der neuen Wohngruppe bevorstand und den Bewohnern der bestehenden Angebote das neue Konzept vorgestellt wurde, war die Eigenständigkeit ein wichtiges Kriterium. "Die, die selbständiger sind, können hierher kommen", habe es damals geheißen, so Udo Dielenschneider. Für ihn war es die ideale Gelegenheit, in eine kleinere Wohngemeinschaft umzuziehen, wo er sich auch heute noch richtig wohl fühlt. "Irgendwo anders wollte ich gar nicht sein!" Mehr Eigenständigkeit Für den Bewohner ist es selbstverständlich, seine Pflichten im Haushalt zu übernehmen. "Hier muss man alles selbst machen." Besonders gern steht er in der Küche und kocht. Und wenn er die Wahl hat, überlässt er das Einkaufen lieber seinen Mitbewohnern. Eine Aufgabe, die Michaela Hoffmann umso lieber übernimmt. Sie ist gerne unterwegs. Auch sie gehört zu den Bewohnern der ersten Stunde.

Von Anfang an fühlte sie sich dort wohl, aber als schließlich Stadtbibliothek und Volkshochschule in die Weingartenstraße ziehen, ist es perfekt. Regelmäßig holt sie sich in der Bücherei neue Schmöker. Besonders Märchenbüchern liest sie gern. Und auch den einen oder anderen VHS-Kurs belegt sie und lernt unter anderem Englisch, eine Sprache, die sie bei ihrer Reiseleidenschaft gut gebrauchen kann. Die beiden Bewohner und die Wohngruppenleiterin schauen gemeinsam die Fotos an, erinnern sich an Ausflüge, an Weihnachtsfeste und Grillabende. Und entdecken manche Weggefährten, die heute nicht mehr zu den Hindenburgwohngruppen gehören. In den letzten 25 Jahren gab es natürlich verschiedene Wechsel bei Betreuern und Mitarbeitern. Bei einigen Bewohnern war die Wohngemeinschaft nur eine Zwischenstation, z.B. um später in eine eigene Wohnung mit weniger Betreuung zu ziehen.

Viele Veränderungen im Alltag

In den letzten 25 Jahren hat sich das Zusammenleben insgesamt verändert, so Doris Ernst-Baier. "Es ist individueller geworden. Und digitaler." Einige Bewohner haben inzwischen einen eigenen Laptop, jede Wohngruppe hat außerdem einen Gemeinschaftsrechner zur Verfügung. Der Zugang zum Internet macht es Bewohnern wie Michaela Hoffmann leicht, sich mit Themen zu beschäftigen, die sie brennend interessieren. Ihre Märchen findet sie nicht mehr nur in der Stadtbibliothek. Sie recherchiert und durchforstet das weltweite Web. "Ich google dann halt."